“Was heute den Muslimen in den USA widerfährt, berührt uns Amerikaner mit japanischen Wurzeln sehr. Denn uns ist das Gleiche passiert.“

Nach dem Angriff auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 und dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg, wurden mehr als 110.000 in den USA lebende Menschen mit japanischen Wurzeln in Internierungslager eingesperrt. Im Oktober 2016 besuchte ich die Gedenkstätte Manzanar in Kalifornien, die an das Geschehen erinnert.

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„Ich war 14 und befand mich im Krieg – mit Leuten, die mich töten wollten.“

Anfang 2016 wurde die Durchführung des pernambucanischen Schutzprogramms für Kinder und Jugendliche, die Todesdrohungen erhalten (PPCAAM) durch Menschenrechtsorganisationen überraschend und kurzfristig von den Behörden beendet und trotz massiver Kritik der Zivilgesellschaft an eine andere Institution übergeben. Wenige Monate später, in der Nacht vom 2.April 2016, wurde erstmals seit Bestehen  ein Schützling des Programms ermordet.

Im Sommer 2014 erhielt ich die einzigartige Gelegenheit, Mitarbeiterinnen des PPCAAM unter strengen Sicherheitsauflagen bei ihrer Arbeit zu begleiten. Wir besuchten aktuelle und ehemalige Betroffene, aber auch Pflegefamilien, die diese bei sich aufgenommen hatten. Die folgende Reportage zeigt ihre außergewöhnliche und engagierte Arbeit. Um die Identitäten einzelner Personen zu schützen, sind Namen und Orte im Text geändert.

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Adriano entered the the PPCAAM at the age of 17.

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Angriff auf die Zivilgesellschaft: Schutzprogramm für Kinder und Jugendliche in Pernambuco in Gefahr

Das Schutzprogramm für Kinder und Jugendliche, die mit dem Tod bedroht werden (PPCAAM) wurde in Pernambuco über viele Jahre von der Nichtregierungsorganisation Tortura Nunca Mais und im Jahr 2015 vom ebenfalls zivilgesellschaftlich organisierten Büro zur juristischen Beratung von Basisorganisationen (GAJOP) geplant und durchgeführt.

Wie Mitarbeiter des GAJOP berichteten, wurden sie am Morgen des 29. Dezember 2015 vom Sekretär für Justiz und Menschenrechte des Bundesstaates überraschend darüber informiert, dass die Organisation das Programm nicht weiter durchführen werde. Es wurde mit sofortiger Wirkung in die Hände des Bildungsinstituts für soziale Entwicklung (IEDES) übergeben. Erst kurz zuvor hatten die Behörden dem GAJOP das Mandat über das Schutzprogramm bereits für weitere neun Monate offiziell bestätigt. Die vereinbarte Verlängerung sollte zum 1. Januar 2016 in Kraft beginnen.

Deila Cavalcanti koordinierte das Programm bis 2015.

Deila Cavalcanti

 

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Verschwunden während der Diktatur – Amparo Almeida Araújo erzählt die Geschichte ihres Bruders Luiz

Amparo_buscaLuiz“Mein Bruder war Luiz Almeida Araújo, Codename Ludovico – und für uns zu Hause Lula. Das ist der Spitzname für Luíz, in Brasilien und vor allem im Nordosten. Alle Luízes werden am Ende Lula gerufen, oder Luizinho. [lacht] Und er war in der ALN, der Ação Libertadora Nacional. Ich wohnte zu dieser Zeit bei ihm. Denn er war noch nicht im Untergrund, sondern lebte im Viertel Perdizes [in São Paulo].”

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Marcelo Mário de Melo über den Putsch am 31. März 1964: “Sie begannen zu schießen.”

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Marcelo Mário de Melo war 20 Jahre alt, als der Putsch in Brasilien passierte. Er studierte und war Mitglied der Kommunistischen Partei Brasiliens (PCB). Am 1. April 1964 ging er mit vielen anderen in Recife gegen die Putschisten und für den amtierenden Gouverneur Miguel Arraes auf die Straße:

“Schon am Abend des 31. begann der Putsch, als die Truppen von General Mourão Filho Minas [den Bundesstaat Minas Gerais] verließen. Continue reading

Für Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit

 ZIVILGESELLSCHAFTLICHE AUFARBEITUNG DER BRASILIANISCHEN  DIKTATUR AM BEISPIEL DES BUNDESSTAATES PERNAMBUCO

Mit dem Abschlussbericht der Nationalen Wahrheitskommission hat der brasilianische Staat im Dezember 2014 erstmals umfassend Verantwortung für die massiven Menschenrechtsverletzungen übernommen, die während der Diktatur (1964–1985) begangen worden sind. Zuvor war es vor allem die Zivilgesellschaft, die historische Aufarbeitung und Erinnerungsarbeit leistete und sich für die juristische Verfolgung der Verantwortlichen einsetzte. Das offizielle Bekenntnis zur Wahrheit ist daher ein wichtiger, längst überfälliger Schritt für Brasilien.

Die lange Liste von Empfehlungen für notwendige staatliche Aufarbeitungs- und Demokratisierungsmaßnahmen und die Frustration und Hilflosigkeit der Kommission angesichts der verschlossenen Militärarchive zeigen jedoch, dass dies nur der Anfang gewesen sein kann. Die Arbeit der zivilgesellschaftlichen Öffentlichkeit ist heute wichtiger denn je, um die Erkenntnisse des Berichts in eine echte Chance zu verwandeln, aber auch um an die offenen Fragen zu erinnern und dafür zu kämpfen, dass die Wahrheit nicht länger Unterpfand der Täter bleibt.

«Es ist leicht zu sagen, dass wir im Namen der nationalen Versöhnung alles vergessen müssen, während es so viele Familien gibt, die ihre Kinder suchen, ohne zu wissen, ob sie am Leben sind oder wo sie sind, ob sie tot sind und auf welchen Friedhöfen sie liegen. Wir wollen keine Rache, sondern Gerechtigkeit.»
Rosalina Santa Cruz, deren Bruder Fernando 1974 verhaftet wurde und seitdem «verschwunden» ist.

National Truth Commission hands over final report to President Dilma Rousseff

National Truth Commission hands over final report to President Dilma Rousseff

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Paulo Moraes und ich diskutierten am 1.12. in Berlin über Erinnerung und Wahrheit in Pernambuco

In einer Abendveranstaltung am 01.12.2014 in der Heinrich-Böll-Stiftung (hier als Mitschnitt in deutscher und portugiesischer Sprache) berichteten Paulo Moraes und Sara Fremberg über die Aufarbeitung der Militärdiktatur in Pernambuco. Paulo Moraes, Exekutivsekretär im Sekretariat für Menschenrechte in Pernambuco, sprach über die Rolle der bundesstaatlichen Wahrheitskommission (Comissão Estadual da Memória e Verdade Dom Helder Câmara), die der Staat Pernambuco im Juni 2012 einrichtete.

Discussion "Memory and Truth in Pernambuco"

Text: Julia Ziesche, Projektmitarbeiterin Referat Lateinamerika, Heinrich-Böll-Stiftung
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Gänsehaut! – Rede von Miguel Arraes, als der Regierungspalast von Pernambuco 1964 von der Armee umstellt ist

C: José Cruz/ABr, CC BY 3.0 BR

C: José Cruz/ABr, CC BY 3.0 BR

Kurz vor seiner Verhaftung versteckte der damalige Gouverneur Peernambucos, Miguel Arraes, eine Kassette mit seiner letzten Ansprache im Regierungspalast. Zu einem Zeitpunkt, als die Armee das Gebäude bereits umstellt hatte.

Der Journalist Euricio Andrade sollte sie an die Hörfunkstationen weitergeben. Andrade gelang es zwar, die Kassette aus dem Palast zu schmuggeln, die Redaktionen wurden zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits von den Militärs kontrolliert, so dass die Rede nie gesendet wurde. Continue reading

Erinnerungsarbeit auf dem Engenho Galiléia – “Wir müssen an diese dunkle Vergangenheit erinnern.”

Am Abend des 1. April 1964 gegen 18 Uhr fuhren mehrere Dutzend schwerbewaffneter Soldaten auf das Engenho Galiléia, eine ehemalige Zuckerrohrfarm im Westen Pernambucos. Sie trieben die ansässigen Bauernfamilien zusammen, verhörten sie und begannen, das 500 Hektar große Gelände zu durchkämmen. Die Militärs waren auf der Suche nach den Anführern der sogenannten ligas camponesas, Vereinigungen, die sich zu dieser Zeit für die Rechte von Bauern und Landarbeitern einsetzten. Die erste jener ligas war 1955 im Galiléia gegründet worden. Continue reading