„Ich war 14 und befand mich im Krieg – mit Leuten, die mich töten wollten.“

Anfang 2016 wurde die Durchführung des pernambucanischen Schutzprogramms für Kinder und Jugendliche, die Todesdrohungen erhalten (PPCAAM) durch Menschenrechtsorganisationen überraschend und kurzfristig von den Behörden beendet und trotz massiver Kritik der Zivilgesellschaft an eine andere Institution übergeben. Wenige Monate später, in der Nacht vom 2.April 2016, wurde erstmals seit Bestehen  ein Schützling des Programms ermordet.

Im Sommer 2014 erhielt ich die einzigartige Gelegenheit, Mitarbeiterinnen des PPCAAM unter strengen Sicherheitsauflagen bei ihrer Arbeit zu begleiten. Wir besuchten aktuelle und ehemalige Betroffene, aber auch Pflegefamilien, die diese bei sich aufgenommen hatten. Die folgende Reportage zeigt ihre außergewöhnliche und engagierte Arbeit. Um die Identitäten einzelner Personen zu schützen, sind Namen und Orte im Text geändert.

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Adriano entered the the PPCAAM at the age of 17.

Der 23-jährige Adriano* bewegt sich auf der kirchenbetriebenen Fazenda im pernambucanischen Hinterland,  als wäre er hier aufgewachsen. Er betreut eine Gruppe von etwa 15 Männern zwischen 40 und 50 Jahren, die auf der Flucht vor der eigenen Drogen-  und Alkoholabhängigkeit hier Aufnahme gefunden haben. Nach erfolgreichem Entzug widmen sie sich hier neuen Aufgaben; bestellen Felder und Beete der Fazenda und sind handwerklich oder künstlerisch tätig.

Adriano koordiniert und organisiert seit drei Jahren den Alltag auf der Fazenda, ruft zum Essen und Beten, hat für jeden ein gutes Wort, ermuntert und motiviert. Mit seinem schweren, bedächtigen Schritt und seinen ernsten Augen, unter denen sich dunkle Schatten abzeichnen, wirkt er dabei trotz seines jungenhaften Äußeren fast so alt, wie die Männer, die er betreut.

Adriano ist sehr freundlich und aufmerksam. Offen und ausführlich erzählt er seine Geschichte. Lächeln tut er während unseres Treffens nie.

Adrianos Eltern  trennten sich, als er sechs Jahre alt war. Die Mutter verließ die Familie, der Junge blieb bei seinem alkoholkranken Vater. „Sie wird schon ihre Gründe gehabt haben, aber bis heute kenne ich sie nicht – oder kaum. Sie wollte mich auch abtreiben, aber mein Vater ließ sie nicht. Darüber gab es einen riesigen Streit“, erinnert sich Adriano lakonisch. Mehrfach suchte der Junge in seiner Kindheit trotzdem Zuflucht bei seiner Mutter. Doch diese schickte ihn immer wieder fort, so dass er zu seinem Vater zurückkehrte. Dieser lebte in einer von Recifes Favelas mit dem denkwürdigen Namen Iraque – Irak. „Dort gab es alles: Drogen, Prostitution, Raub, alle schrecklichen Dinge des mundo das trevas (Welt der Dunkelheit), wie wir sie nennen, die Welt der Gewalt und des Verbrechens.“

Mit neun Jahren ging Adriano erstmals an den Alkoholschrank des Vaters und begann zu trinken. Mit 13 war er drogenabhängig: Dem Beispiel seiner Cousins folgend rauchte Adriano Marihuana, schnüffelte Klebstoff und nahm auch härtere Drogen. Er begann zu  stehlen, verkaufte schließlich selbst Drogen.

Mit 14 landete er zum ersten Mal ins Gefängnis – wegen Beteiligung an einem bewaffneten Raubüberfall. Ein Jahr lang verbrachte er im Jugendgefängnis, erlebte unfassbare Gewalt, Aufstände gegen die Wachleute, die blutig niedergeschlagen wurden, brutale Racheakte der Häftlinge untereinander, ein Mann wurde vor seinen Augen gevierteilt.

Traumatisiert kam Adriano mit 16 aus dem Gefängnis, landete mit 17 auf der Straße. „Ich lebte auf der Straße, (…) schlief im Müll – zwei Monate lang. Ich schlief am Strand und deckte mich nachts mit Sand zu, weil es so kalt war. Das Leben hatte keinen Sinn mehr.“ Er verkaufte weiter Drogen, stahl und beging bewaffnete Raubüberfälle. Eines Tages, als er bereits von der Polizei gesucht wurde und auch vor dem organisierten Verbrechen auf der Flucht war, so erzählt Adriano, brannte ihm die Sicherung durch. Betrunken schlug er einen Mann halbtot, von dem man ihm erzählt hatte, er würde sich an Frauen und Kindern vergreifen. „Ich kam gerade frisch aus dem Gefängnis. Wo Gewalt herrscht. Wo man solche Leute nicht mag, wo man solche Leute umbringt. Und weil ich es nicht besser wusste – nicht besser wusste, wie ich damit umgehen sollte…“ Adriano schweigt und schaut voller Scham zu Boden – als könne er seine Tat auch heute noch nicht fassen.

Noch während der Tat wurde er verhaftet und später verurteilt; wegen Körperverletzung und versuchten Mordes. Erneut wurde er ins Jugendgefängnis geschickt, wo er zwei Monate blieb. In Haft wurde er angeschossen, in den Oberschenkel. Als er das Gefängnis verließ, erhielt er Todesdrohungen von den Drogenhändlern aus seinem Viertel. Eine Cousine überzeugte Adriano damals, sich an das PPCAAM zu wenden, dessen Mitarbeiter ihn auf einer kirchenbetriebenen Fazenda unterbrachten, und die folgenden Jahren betreuten. Die, auf der er heute tätig ist, ist eine andere, gehört jedoch dem gleichen Träger.

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Adriano entered the PPCAAM Pernambuco at the age of 17.

Das Schutzprogramm für Kinder und Jugendliche, die Todesdrohungen erhalten (PPCAAM)

“In der Welt des Verbrechens zu sein, bedeutet Krieg mit allen und jedem. Es gibt Leute, die du gar nicht kennst, und die kommen weil sie dich töten wollen, weil sie dir ans Leben wollen.“ Adriano

Das Schutzprogramm für Kinder und Jugendliche, die Todesdrohungen erhalten (Programa de Proteção a Crianças e Adolescentes Ameaçados de Morte de Pernambuco, PPCAAM) bietet Minderjährigen wie Adriano Zuflucht, die nachweislich bedroht werden. Ziel des Programms ist es, Kinder und Jugendliche zu schützen, deren Leben in Gefahr ist. Das PPCAAM in Pernambuco wurde 2007 von den Behörden ins Leben gerufen. Bis 2014 wurde es von der Bewegung Tortura Nunca Mais und 2015 vom Kabinett zur juristischen Beratung von Basisorganisationen (GAJOP) durchgeführt.

Nach Angaben der Projektkoordinatoren handelt es sich bei den Schutzbefohlenen mehrheitlich um männliche schwarze Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren mit niedrigem Einkommen und niedrigem Bildungsgrad, das heißt, sie gehen nicht zur Schule oder haben diese ganz abgebrochen. Nicht selten gibt es Drogen- oder Alkoholmissbrauch in der Familie, wie im Fall von Adriano. Meistens leben die Familien in prekären Lebensverhältnissen und haben kaum Möglichkeiten, ihre Rechte wahrzunehmen. Die genaue Zahl der Kinder und Jugendliche im Programm sowie Fakten oder Angaben zu ihrer Person werden aus Sicherheitsgründen nicht veröffentlicht.

Es gibt drei Möglichkeiten, in das Programm aufgenommen zu werden: über die zuständige Vormundschaftsbehörde, zum Beispiel das Jugendamt, was die meisten Fälle betrifft, sowie die Staatsanwaltschaft und das Gericht, die die Kinder im Fall eines Delikts juristisch betreuen. Letztere sind jedoch meist nicht auf ein solches Verfahren eingestellt und übergeben die Fälle, von denen sie erfahren, in der Regel zurück an die Vormundschaftsbehörden der jeweiligen Gemeinde, die wiederum das PPCAAM kontaktieren. Dann wird ein Treffen zwischen Verantwortlichen des Programms und dem Kind vereinbart.

„Jedes Leben, das wir retten können, ist ein Gewinn – ist ein Grund mehr für mich, in diesem Programm zu arbeiten.“ Deila Cavalcanti

Deila Cavalcanti war bis Dezember 2015 Koordinatorin des Programms in Pernambuco. „Auf dem Treffen wird der oder die Minderjährige befragt, und wir besprechen Voraussetzungen und Regeln für die Teilnahme am Programm. (…)“, erklärt sie. „Die Kriterien für die Aufnahme in das Programm sind das Ausmaß der Bedrohung und die Freiwilligkeit, das heißt der glaubhafte Wille, aufgenommen zu werden. Das Programm beruht nicht auf Zwang. Außerdem müssen alle konventionellen Alternativen und Mittel ausgeschöpft worden sein.”

Weitere Treffen folgen. Ein Team aus Psychologen, Sozialarbeitern, Anwälten und Erziehern nimmt die Einschätzung der Bedrohung vor, aufgrund derer das Kind seinen Wohnort verlassen muss, um zu überleben. Wenn die Todesdrohung überprüft und als real eingeschätzt wurde, werden die betroffenen Kinder an einen Ort weit entfernt von der Region gebracht wird, in der er oder sie bedroht werden. Ein kompliziertes Unterfangen, da es oberste Priorität des Programms ist, die Kinder mit der eigenen Familie oder zumindest mit einem erwachsenen Familienmitglied umzusiedeln. „Anfangs ist es nicht leicht für die Familien, ihren Wohnort zu verlassen”, erzählt Deila Cavalcanti. „Die Arbeit mit den Familien der Betroffenen beginnt daher damit, dass wir sie dafür sensibilisieren, wie wichtig ihre Teilnahme am Schutzprogramm für das betreffende Kind ist und, die Tatsache, dass die Familie die Verantwortung und Fürsorge mitübernimmt. Oft ist die Familienstruktur in den Ursprungsfamilien sehr schwach.“

Während die Mitarbeiter des PPCAAM sich in einem aufwendigen Prozess um einen neuen (geheimen) Wohnort für den Schützling und seine Familie kümmern und dabei nicht selten erstmals den Zugang zu Grundrechten wie Bildung, Freizeit und Gesundheit garantieren und Perspektiven schaffen, wird der oder die Betroffene kurzfristig aus der unmittelbaren Gefahr geholt. Die meisten werden bei Pflegefamilien, so genannten Famílias Solidárias untergebracht, einige wenige in Heimen oder Übergangsunterkünften.

Das Projekt „Famílias Solidárias“

„Als er ankam, setzte er sich auf den Boden und sagte: Mutter, ich halte das nicht mehr aus. Was soll ich denn tun? Ich will aussteigen, aber ich schaffe es einfach nicht. Und dann weinte er, und dann weinte ich. Und ich sagte ihm, dass er es schaffen würde.“ Emília, Pflegemutter seit mehr als 10 Jahren

Das Projekt Famílias Solidárias gibt es seit 2010. Zwei Jahre lang wurden passende Kandidaten vorbereitet und geschult. Seitdem sind sie die ersten Ansprechpartner, wenn es darum geht, Kinder, die Todesdrohungen erhalten, kurzfristig bei sich zu Hause aufzunehmen.

„Diese Familien haben oft schon Erfahrung darin, Kinder bei sich aufzunehmen und haben schon mit Vormundschaftsbehörden zusammengearbeitet. (…) Manchmal haben sie Erfahrungen mit bestimmten Situationen, Rechtsverletzungen  und Straftaten“, erklärt Camila Moraes, Sozialarbeiterin im Projekt Famílias Solidárias. Auch das ‚Profil‘ der Pflegefamilie spielt eine wichtige Rolle bei der Vermittlung eines Kindes. „Eine Pflegemutter arbeitet zum Beispiel in einem Verein, der Frauen betreut, die Gewalt erfahren haben – geschlechtsspezifische Gewalt oft in Verbindung mit sexuellem Missbrauch. (…) Ein Pflegevater arbeitet auf universitärer Ebene zur Abhängigkeit von chemischen Substanzen. (…) Doch am Ende ist für uns der Wille entscheidend, sich dieser Aufgabe anzunehmen.“

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Camila Moraes and Marília Campos, social workers at Tortura Nunca Mais talking to one of the foster mothers working with PPCAAM Pernambuco

Emília* war von Beginn des Projektes Famílias Solidárias als Pflegemutter dabei. Bereits davor hatte sie immer wieder für das lokale Vormundschaftsgericht Kinder bei sich aufgenommen. Als wir im August 2014 bei ihr sind, hat die 57-Jährige bereits drei Kinder, die bei ihr leben, einen leiblichen Sohn mit geistiger Behinderung (34), einen Neffen (10) und die Tochter einer Cousine (17), die das Kind nicht bei sich haben will. Außerdem hat sie zu diesem Zeitpunkt seit 10 Monaten ein 13-jähriges Mädchen aus dem Programm bei sich aufgenommen.

Lilia* hat ebenso wie Emílias Sohn eine geistige Behinderung. Beide werden deshalb sowohl von den Mitarbeitern als auch von Emília liebevoll als „besonders“ bezeichnet. Ihre Eltern zwangen Lilia zur Prostitution – verkauften sie an Männer innerhalb und außerhalb der Familie  Das Mädchen wurde mehrfach vergewaltigt und musste schließlich in Sicherheit gebracht werden, weil ihr Fall an die Öffentlichkeit kam und ihr Vater drohte, sie zu töten. Sie ist am Tag unseres Besuchs mit Emílias Schwägerin unterwegs.

„Ich verstehe nicht,  wie man mit jemandem, der ‘besonders’ ist, so bösartig umgehen kann. Mein Sohn ist auch ‘besonders’. Aber ich habe noch nie solche Dinge mit ihm getan. Ich lasse ihn nicht allein. Und ich sehe dieses Wesen, dieses Mädchen, und sie hat schon so viel ertragen. So viel Böses von seiner Mutter und seinem Vater erfahren. Das kann man einfach nicht verstehen. Und das tut mir sehr weh. Manchmal weine ich viel, wenn ich an sie denke.“ Emília zeigt mir stolz Briefe und vor allem Bilder, die Lilia für sie gemalt hat. Auf einem Bild ist ein großes Herz gemalt, auf dem Steht „Mutter, du bist etwas Besonderes. Ich liebe Dich.“

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“Mother, you are special – P.S. I love you” – drawing by Lilia for foster mother Emilia

Doch um die Zuversicht, die aus den Bildern spricht, haben Emília und die Sozialarbeiterinnen hart gekämpft. Lilia hatte bei ihrer Ankunft schwere Depressionen: „Sie wollte nicht duschen, wollte nichts machen, nur herum sitzen. Aber mit dem Spielen, dem Lächeln, der Fröhlichkeit von uns hier – sie hat uns einen Brief geschrieben, in dem sie sagte, dass sie hier die glücklichsten Momente ihres Lebens verbracht hat. (…) Wir reden viel, albern herum. Auch ich, auch wegen meiner Krankheit – was soll man denn sonst machen, als herumzualbern.“

Die Aufgaben der Famílias Solidárias sind anspruchsvoll. Sie bieten den entwurzelten Kindern Struktur und Orientierung. Das geht von geregelten Essens- und Schlafenszeiten bis hin zum Hausaufgaben machen und Freizeitaktivitäten. Eigentlich halten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Programms den Kontakt zu Behörden, der Schule, der Sozialbehörde, dem Gesundheitsamt etc., doch oft haben die Pflegefamilien bereits einen so guten Kontakt, dass sie bestimmte Sachen selbstständig mit den Behörden regeln, bevor sie überhaupt das Team kontaktieren.

Viele Kinder sind auch in ihrem Herkunftsort nicht oder nur unregelmäßig zur Schule gegangen. In den temporären Gastfamilien ist dies fester und verpflichtender Bestandteil ihres Alltags. Außerdem muss darauf geachtet werden, dass die Kinder sich an die Regeln des Programms halten und ihr Leben nicht gefährden. Sie dürfen nur unter Aufsicht den Computer verwenden, müssen ihren Aufenthaltsort geheim halten, den Kontakt zu Freunden abbrechen. Soziale Medien wie Facebook, Instagram etc. sind tabu. Eine riesige Herausforderung für die Kinder und gleichzeitig ein enormes Risiko.

Emília erzählt  von einem Mädchen, dass heimlich an ihren Computer ging und Fotos bei Facebook hochlud, während Emília schlief. „Ein paar Tage später sah ich ein Auto, das uns folgte, als ich das Kind von der Schule abholte. Dann wurde ein Haus gemietet, für die ganzen Familie, am Strand von P. (…) Wir verschlossen das Haus, ließen alles zurück.“ Erst drei Monate später konnten sie nach Hause zurück. „Ich habe keine Angst, weiß nicht warum. Ich glaube, Gott hat mir das in mein Herz gegeben. (…)“, sagt Emília und lacht. „Wenn ich etwas Eigenartiges sehe, kontaktiere ich die Leute vom Programm, damit sie kommen und schauen, ob es was gibt.“

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Emília, foster mother working with PPCAAM Pernambuco sitting on bed of her current foster child Lilia

Die Gastfamilien und ihre Schützlinge werden eng und regelmäßig begleitet und betreut. Unabhängig voneinander besuchen alle zwei Wochen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des PPCAAM das Kind und die Pflegefamilie. „Wir sprechen mit der Família Solidária und schauen, welche Sorgen sie haben“, erläutert Camila. „Oft auch in Abwesenheit der Kinder. Das Team begleitet den Prozess um  zu sehen, wie sich die Situation allgemein entwickelt, prüft den Stand der Sicherheit, aber fährt auch einfach nur vorbei, um zu wissen, wie es der Familie damit geht.“

Für die Betreuung der Familien auch in schwierigen Situationen gibt es neben Telefonaten und den zweiwöchentlichen Besuchen ein monatliches Gruppentreffen aller Famílias Solidárias. „Die sind toll“, lacht Emília als ich sie danach frage. „Wir reden miteinander. Das tut gut. Wir lachen viel – und teilen. Wir alle tun dasselbe. Sie haben die gleiche Aufgabe wie ich. Wir alle helfen, helfen den Kindern.“ Bei den Treffen ist stets auch ein Psychologe des Programms dabei. Er hört zu und berät die Familien in Gruppentherapie. „Der Betreuende muss betreut werden damit er betreuen kann“, erklärt Camila. „Und von diesem Prinzip ausgehend sagen die Familien auch öfter, was sie brauchen. Heute müssen wir manchmal auch Einzeltherapien ermöglichen für Familien, die es nicht schaffen, sich in der Gruppe zu äußern.“

Besonders schwer fällt vielen Pflegefamilien auch immer wieder der Abschied von ihren Schützlingen. „Es geht in erster Linie darum, den temporären Charakter des Aufenthalts in der Pflegefamilie so transparent und klar wie möglich zu kommunizieren, um zu vermeiden, dass sich die Familie und ihr Schützling zu sehr aneinander gewöhnen“, erklärt Camila Moraes. Die Dauer des Aufenthalts beträgt in der Regel höchstens 3-6 Monate, um eine zu starke Bindung zu vermeiden „Wir definieren klar Anfang, Mitte und Ende des Prozesses, bis zu dem Tag, an dem das Kind wieder in seine Ursprungsumgebung zurückkehrt. Und die Pflegefamilie wird nicht Teil dieser Umgebung sein.“ Die Sozialarbeiter teilen den Familien frühzeitig mit, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, damit diese sich darauf vorbereiten können. „Und auch danach bleiben wir in Kontakt, um zu sehen, ob die Familie schon wieder jemand aufnehmen kann oder ob sie noch etwas Zeit zum Durchatmen braucht“, ergänzt Camila.

Auch für Emília sind die Abschiede ein schwieriges Thema. „Aber ich bin sehr glücklich damit, mich um sie kümmern zu können. Und ich werde mich auch weiter kümmern und helfen.“

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Die beschriebenen Details des Programms beziehen sich auf die Zeit zwischen 2007 und 2015. Finden Sie hier die ausführliche Kritik der Zivilgesellschaft am Umgang der Behörden mit der Durchführung des Programms in einem Interview mit Deila Cavalcanti, ehemalige Koordinatorin des PPCAAM. Anfang April 2016 wurde bekannt, dass ein 15-jähriger Schützling des Programms auf der Insel Itamaracá erstochen worden war. Der Junge war Ende Februar 2016 auf Bitten der zuständigen Vormundschaftsbehörden in Alagoinha aufgenommen worden, weil er über Informationen über ein dort begangenes Verbrechen verfügte. Eltern und Geschwister waren gemeinsam mit ihm in das Schutzprogramm aufgenommen worden. Die Familie des Opfers wurde sofort nach der Tat an einen anderen Ort  gebracht. Zivilgesellschaftliche Organisationen machen die Behörden und ihren nachlässigen Umgang mit der Übergabe eines derart sensiblen Programms mitverantwortlich für den Tod des Jungen.

*Name geändert

Was ist aus den Beteiligten geworden?

Adriano blieb nach seiner Aufnahme ins Schutzprogramm  mehrere Jahre auf einer Fazenda im Interior von Pernambuco. Noch in seinem ersten Jahr wurden sein Onkel und zwei weitere Familienmitglieder in Recife wegen Drogengeschäften ermordet. Ein Jahr später sein Vater. Der Verlust traf Adriano schwer. Bis zum Schluss hatte er gehofft, ihn eines Tages zu sich holen zu können. Trotz dieser Schicksalsschläge entwickelte sich Adriano auf der Fazenda vom ehrenamtlichen Helfer zum Koordinator und wurde schließlich als Koordinator für die Fazenda berufen, auf der er heute tätig ist: „Sie [die Mitarbeiterinnen des PPCAAM] stellten mir die Struktur des Programms vor, die Regeln und die Bedingungen, Bedingungen, die für mich heute gar keine mehr sind; Verständnis, Liebe, Zuwendung. Das war für mich außergewöhnlich, wie mich diese Menschen behandelten. Daran erinnere ich mich noch heute. Deshalb macht es mich immer so froh, sie wiederzusehen. Weil ich ihnen zeigen kann, dass ihre Arbeit, ihre Bemühungen nicht umsonst waren.“

Emilia ist nach wie vor Pflegemutter: „Ich habe viel Liebe für die Kinder. Ich mochte Kinder immer gern. Diese sind für mich wie meine eigenen Kinder. Und ich behandle sie auch gleich. (…) Alles, was sie brauchen, sind Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit.“

Lilia wurde nach ihrer Zeit bei Emília in ein reguläres Schutzprogramm aufgenommen. Eine Tante erklärte sich bereit, die Verantwortung für das Mädchen zu übernehmen und mit ihr an einen unbekannten Ort zu ziehen, unerreichbar für den Vater und ihre Vergewaltiger, die sie zum Schweigen bringen wollten.

Deila, Camilia und Marília arbeiten nicht mehr für das Programm, sondern sind für andere soziale Organisationen tätig.

Hier finden Sie ein Video-Interview mit Deila Cavalcanti in portugiesischer Sprache über das PPCAAM.

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